Mingeri Lüt (6)

Veröffentlicht in S’CHEFELI VERZELLT

Schon bald blühen wieder die Alpenrosen. Da kommt uns nicht nur der Text des Liedes von Polo Hofer in den Sinn, sondern auch andere Erinnerungen an das Einst und Jetzt. Vielleicht wird gedanklich sogar eine Brücke zum „aktuellen“ Thema der Verdingkinder geschlagen? Unser Künstler erzählt folgendes zu seiner wunderschönen Bronzefigur: 

s’Alperösli 

Anlässlich meiner ersten Autofahrt ins Tessin Ende der Sechzigerjahre sah ich sie noch, die Kinder, die in jener Kurve bei Gurtnellen am Rande der alten Gotthardstrasse Alpenrosen verkauften. Im Juni hielten dort Mädchen den vorbeifahrenden Touristen ihre Sträusse entgegen, vor sich Körbe voller sorgfältig gebündelter Blumen. 

Am Tag zuvor hatte wohl die ganze Kinderschar der Bergbauern unter der Leitung ihrer Mutter an den steilen Hängen Alpenrosen gepflückt. Der Erlös aus den Blumenverkäufen bedeutete sicher eine wesentliche Aufbesserung des kargen Einkommens der Familie. 

Das mühsame Stehen an der Strasse und das sehnsüchtige, oft vergebliche Warten auf einen anhaltenden Automobilisten wurden sogar im Unterland bemerkt. Im Fernsehen sah ich eine kabarettistische Darbietung über diese Alpenrosenmädchen. 

War Mitarbeit von Kindern in der Familie bis über die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts noch eine Selbstverständlichkeit, so ist dies heute eher verpönt. Kinder sollen spielen, in die Schule gehen, Sport oder Ballett betreiben. Alles, was nach Arbeit aussieht, wird von den Eltern erledigt. 

Eine Frage: Gehen dadurch nicht soziale Kompetenzen und Strukturen verloren? Wären mithelfende Kinder nicht die eigentlichen Gewinner dieser familiären Arbeitsteilung, da sie sich manche Fertigkeiten früh aneignen könnten, die sie sich sonst im späteren Leben erst mühsam erwerben müssen?
 

Bis zum nächsten Mal

Euer Chefeli