S'Chefeli verzellt: Mingeri Lüt

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Gotthelf versammelte unter diesem Terminus Zigeuner, Tagediebe, Trunkenbolde, Hausierer, Kurpfuscher, Mägde, Knechte und die Kleinstbauern, welche meist am Hungertuch nagten. Auch die unehelichen Kinder fanden sich in diesem Topf. All diesen Leuten war der der grosse Überlebenskampf gemein, der sie zwang, ständig neue Berufe zu erfinden. 

Beim genaueren Betrachten und Überlegen, muss man doch eingestehen, dass es diese „mingeri Brüef, mingeri Büez“ auch heute noch gibt. Nur heissen diese jetzt anders, moderner, oder man übt sie nicht mehr aus, weil der Sozialstaat diese Notwendigkeit eliminiert hat und damit auch diese einmalige Kreativität genommen hat. Es gibt vielleicht einige unter Euch, die in der Jugend solches noch (mit-)erlebt haben. In meiner Aktivzeit als Chefeli hat es dies alles noch gegeben. Darum will ich hier in loser Folge Euch davon erzählen. 

Es gibt einen grossartigen Künstler, aufgewachsen in Kallnach BE, der solche Geschichten mit grossartigen Bronzefiguren erzählt. Noch bis zum 21. April sind diese im Kurpark Zurzach ausgestellt. Freddy Röthlisberger, dieser begnadete, 67 jährige Bronzebildner, hat zu jeder Figur seine Geschichte geschrieben. Heute stelle ich Euch folgende vor: 

D’Chabishoblere 

Während meiner Kindheit lebte in unserem Dorf eine ärmlich gekleidete alte Frau, die gelegentlich an unsere Haustüre klopfte, um für einen Verstorbenen “z’Liecht cho z’bitte“. Ich verstand nicht, was sie sagte, obwohl sie ein breites „Seeländer-Dütsch“ sprach. Der Grund lag darin, dass sie beim Sprechen ihre übermässig lange Zunge unkontrolliert durch den zahnlosen Mund bewegen musste. Mein Grossvater erklärte mir einmal, dass ihr rabiater Ehemann im Suff sie erwürgen wollte und ihr dabei das Zungenbein gebrochen habe.

Diese Frau brachte sich und ihre Kinder mit Waschen, Botengängen und im Spätherbst vor allem mit dem „Chabishobeln“ (d.h. mit dem Zerschneiden des Weisskohls zu Sauerkraut) über die Runde. Deshalb war sie unter dem Namen „Chabishoblere“ allgemein bekannt und geachtet. Mit dem Chindswägeli, in dem ihre Utensilien verstaut waren, zog sie von Haus zu Haus und von Dorf zu Dorf. Diese Frau meisterte ihr Leben ohne Sozialhilfe, nur mit dem fleissigen Einsatz dessen, was sie hatte und konnte! 

Liebe Leser, in Eurer Wohlstandsgesellschaft geht es Euch im allgemeinen so gut, dass Ihr Euch nicht mehr vorstellen könnt, wie hart das Leben in vergangenen Zeiten für die meisten Leute war. Ihr beklagt Euch trotz der viel besseren Lebensbedingungen noch ständig. 

Es wäre gut, wenn Ihr Euch hin und wieder bewusst machen würdet, wir unglaublich viel besser Ihr leben dürft, als dies für Eure Vorfahren bis vor kurzer Zeit möglich war. Und bedenkt, dass auch heute noch zahlreiche Menschen unter Euch sind, die unter schwierigen Bedingungen sehr hart arbeitend sich durchschlagen müssen. 

Bis zum nächsten Mal

Euer Chefeli